Reiseberichte und Presse: anders-sehn Reisen für Blinde und Sehbehinderte

anders-sehn

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Foto: Ein blinder Reisender ertastet das Relief einer Marmorsäule

Hier finden Sie eine kleine Auswahl von Texten, Reiseberichten und Zeitungsartikeln, verfaßt von Reiseteilnehmern und Journalisten.
Z.B. den Bericht über eine Städtereise Wien eines blinden Rollstuhlfahrers, die Eindrücke eines blinden Wanderers in Südtirol, das Gedicht einer Kundin zum zehnjährigen Bestehen, eine Kochreise, beschrieben in der Zeitung DIE ZEIT und ein Interview mit der Gründerin und Inhaberin des Reiseunternehmens - Susanne Hahn -, veröffentlicht in der Ärztezeitung.

An dieser Stelle danke ich allen Kunden für Ihr Interesse an meinen Angeboten und allen Stammkunden für Ihre Treue.

Reiseberichte

Ein Reisebericht von U. Hess, der 2018 als blinder Rollifahrer an einer Städtereise Wien teilnahm

"Im Rollstuhl unterwegs in Wien
"...hier noch meine Wien-Reise-Eindrücke (02. - 07.05.18); am Montagabend kam ich also aus Wien zurück (mit der Bahn hatte sowohl bei der An-, als auch bei der Rückreise alles tadellos geklappt), wo ich mit anders-sehn vier herrliche Tage erlebt habe - Herr U. Maier hatte mich begleitet.

Sehr gute, blindengerechte Führungen durch die Altstadt (1. Bezirk), sozusagen auf W. A. Mozarts Spuren, Stephansdom mit Miniatur zum Tasten (Do), Hofburg zum Eintauchen in Kaiser Franz Josefs und Sissis Welt mit der Möglichkeit einer anschließenden Fiaker-Fahrt, Hofreitschule mit seinen Lipizzanern (Fr), am Samstag wandelten wir durch L. v. Beethovens Sommerfrische-Haus und lernten selbigen als Menschen kennen und waren nachmittags auf Prater-Tour - ich bin sogar auf dem 64,75 m hohen Riesenrad eine Runde mitgefahren , am Sonntag ging es noch ins Kunsthistorische Museum, wo man zwei Bilder als Relief (in Kleinformat) betasten konnte, zum Abschluss fuhren wir mit der Straßenbahn/U-Bahn zum Zentral-Friedhof mit den Grabmälern vieler Berühmtheiten, wie dem schon erwähnten Beethoven, Brahms, Strauß, Curd Jürgens, um nur einige zu nennen.

Nebenbei war auch genügend Zeit , um für das leibliche Wohl zu sorgen in vorbestellten Lokalitäten.

Das alles war sehr gut organisiert. Die Reiseleitung (Frau Hahn) war allen sehr zugewandt und hat sich mit großem Engagement um die Belange der Gruppe (8 blinde + sehbehinderte und 6 sehende Begleitpersonen, einschließlich Reiseleiterin = 14 Personen) gekümmert; einfach zum Wohlfühlen für Jedermann/frau. "Schee war's!"

Fazit: Sehr empfehlenswertes Reise-Unternehmen für alle und eben ganz besonders für sehbehinderte und blinde Menschen."


Jubiläumsgedicht, verfaßt von einer Kundin 2014

"Zehn Jahre Anders-sehn
Vor zehn Jahren im Monat Mai
Da gab es eine Dame,
die dachte sich so allerlei,
Susanne war ihr Name.
Sie wollte Blinde recht verstehn
Und gründete darum „Anders-sehn“.


Der Urlaub ist ein hohes Ziel
Im Leben dieser Welt,
man spart darauf, erhofft sehr viel,
verschwendet dafür Geld.
Meist kommt man dann aktiv mit Glück
Ins Alltagseinerlei zurück


Ein Sehender fährt zwar dahin,
wo es ihm grad´ behagt,
ein Blinder ist da mehr beschränkt,
wenn er sich einmal wagt,
Barrieren gibt es ohne Zahl,
Du kennst sie schon, dann rate mal!


Mit Empathie begriff Frau Hahn,
da musste was geschehn,
denn Blinde wollen „Stadt, Land, Fluß“
und auch noch „Anders-sehn“.
Sie wurde schnell ihr eigner Boß
Und legte mit der Planung los.


Sie fuhr in Städte und aufs Land,
erkundete die Lage,
machte ihr Konzept bekannt,
erläutert´ manche Frage,
in Schlössern und Museen ruft sie an,
ob man die Exponate auch anfassen kann.


Denn der Nichtsehende muss ergründend tasten
er stellt sich darauf ein,
nicht nur an Schönem vorbeizuhasten,
er prägt sich Vieles ein.
Was Sehende visuell so schnell erfassen,
das muss er sich ausführlich zeigen lassen.


Hören, riechen und das Schmecken
Sind nicht zu unterschätzen,
damit wird Vieles kompensiert,
was Lichtschein kann ersetzen,
Frau Hahn hat alles wohl bedacht,
was „Anders-sehn“ begehrlich macht.


Bei jeder Reise gehen Begleiter
Uns freundlich schnell zur Hand,
und wer es einmal mitgemacht,
der findet es charmant,
mit anderen sich auszutauschen,
sich helfen lassen und zu lauschen.


Der Stadtführer beschreibt den Ort,
Frau Hahn ist ihm zur Seite,
ergänzt manch undeutliches Wort,
wandert mit uns ins Weite,
botanisch versiert lässt sie uns Pflanzen bestimmen,
wir gingen sogar in der Nordsee schwimmen


Stellvertretend für viele möchten wir danken
Für all die schönen Reisen,
Du öffnetest uns viele Schranken,
was jeder kann beweisen,
auf Berg, im Tal, im ganzen Land,
ist „Anders-sehn“ jetzt wohlbekannt.


Qualität und Stil sowie Behaglichkeit,
Wissen und auch Verstehn,
interessante Ziele stehn bereit,
man darf sie „Anders-sehn“
drum sagen wir Dir in großer Zahl,
ein Dankeschön jetzt allzumal.


Und wer Anders-sehn noch nicht kennt,
dem wünschen wir live ein Event.


Eine herzliche Gratulation zum 10jährigen Bestehen Ihrer Firma, Gisela Bechler"


horus 01/2005
Foto: Blinde Gäste wandern mit ihren sehenden Begleitern durch herbstlichen Lärchenwald in Südtirol.Foto: S. Hahn

Zur Apfelernte ins Obervinschgau nach Südtirol
von Frank Wolter

" `Zur Apfelernte ins Obervinschgau nach Südtirol´so lautete das Motto einer sechstägigen Wanderfreizeit für blinde und sehbehinderte sowie sehende Teilnehmer in Südtirol. Eine Woche voller sportlicher Betätigung in fast unberührter Natur, begleitet von einigen kulturellen Veranstaltungen und vielen Begegnungen mit anderen Menschen.

Am Sonntag, dem 10. Oktober 2004, machten sich aus den verschiedensten Regionen Deutschlands insgesamt acht blinde und sehbehinderte Wanderfreunde mit dem Zug auf den Weg nach Landeck im Südwesten Österreichs. Wer Hilfe bei der Anreise benötigte, wurde hierbei von der Organisatorin dieser Reise, Susanne Hahn aus Bamberg, die sich seit kurzem auf die Konzeption und Durchführung von Individualreisen für Menschen mit Behinderungen spezialisiert hat, gegebenenfalls unterstützt. In Landeck angekommen, wurden wir von Herbert Anacker vom Landessportbund Hessen, welcher die Trägerschaft der Reise übernommen hatte, sowie einigen sehenden Reiseteilnehmern begrüßt. Von dort aus ging es dann in zwei Kleinbussen über den Reschenpaß, vorbei am Reschensee, nach Südtirol und hinauf ins Matschertal bis auf rund 1.600 Meter zum Tumpaschinhof, einem ehemaligen Mädcheninternat, welcher als Selbstversorgerhaus in gemütlicher alpenländischer Hüttenatmosphäre Platz für rund 30 Gäste bietet.

Da sich der Tumpaschinhof etwa drei Kilometer vom nächsten kleinen Dorf in freier Natur befindet, konnten wir unsere Tageswanderungen zumeist bequem direkt von dort aus starten. Je ein sehender und ein blinder Teilnehmer krakselten dann durchs Tal, wobei es mitunter bis zur Schneefallgrenze auf etwa 2.500 Meter hinaufging. Die Wege waren stets sorgfältig ausgewählt und für halbwegs sportliche Menschen gut begehbar, wobei jedoch eine gewisse Trittsicherheit und angemessenes Schuhwerk vorausgesetzt wurden. An den ersten Tagen sind wir zwar infolge leichten Regens etwas klamm und kalt geworden, im Tumpaschinhof erwartete uns dann jedoch stets ein wohlig prasselndes Kaminfeuer und manchmal sogar heißer Kaffee und frische Eierpfannkuchen. Diese heimelige Atmosphäre wurde dabei durch die von Susanne Hahn vorgelesenen Apfelmärchen noch sehr angenehm umrahmt. Um nun aber nicht nur unsere Beinmuskeln zu trainieren, sondern auch unseren Geist zu erfrischen und zu erfreuen, standen auch einige kulturelle Begegnungen mit Land und Leuten, wie etwa der Besuch eines Marktes mit zahlreichen landestypischen Spezialitäten, auf dem Programm.

Zunächst gab es jedoch einen Besuch auf der Churburg, wo wir von einem jungen und überaus engagierten Führer begrüßt wurden. Dieser hatte reichlich Zeit für uns und öffnete auch manchen - ansonsten verschlossenen - Schrank für uns; angefaßt werden durfte ohnehin fast alles. Ein wirkliches Erlebnis bei dem wir zum Schluß auch noch kurz vom Schloßherrn, dem Grafen Trapp, welcher auch heute noch einen Teil der Burg zeitweilig bewohnt, persönlich begrüßt wurden. Nach einem Besuch im Benediktinerkloster Marienberg in Mals, welches insbesondere durch die Ausstrahlung unseres Führers ebenfalls zu einem eindrucksvollen Erlebnis wurde, folgte dann am vorletzten Tag unserer Wanderwoche noch ein Aufenthalt auf einem Biohof mit großen Apfelplantagen. Auch dieser Besuch war sehr anschaulich und informativ. So ging es nach einer Kutschfahrt durch die Apfelplantagen hinunter in den historischen Keller des Hauses, wo wir mit verschiedenen Spezialitäten des Hofes und des Landes freundlich bewirtet wurden. Da all diese Dinge vorzüglich schmeckten und zudem auch käuflich erworben werden konnten, hatte der ein oder andere von uns auf der Heimreise dann ein wenig mehr zu tragen als bei der Anreise.

Höhepunkt der kulturellen Angebote war nach einhelliger Meinung aller Teilnehmer jedoch der Besuch von acht einheimischen Bäuerinnen im Tumpaschinhof, welche uns mit der alten Handwerkstradition des Filzens vertraut machten. Aus gekämmter Schafwolle stellen diese Frauen lediglich unter Einsatz von Wasser und Schmierseife die verschiedensten Dinge wie etwa Hüte, Kappen oder auch Hausschuhe her. Diese Gegenstände konnten aber nicht nur befühlt und bestaunt werden, sondern jeder von uns konnte sich mit tatkräftiger Unterstützung einer Bauersfrau auch selbst einmal beim Filzen versuchen, wobei so manches Mitbringsel für daheim entstanden ist. Bei südtiroler Wein und vielen kleinen Leckereien haben wir dann noch einige Stunden beisammen gesessen und Vieles über das nicht immer sehr einfache Leben in diesem abgelegenen Tal erfahren. Und am letzten Morgen wurden wir dann sogar noch von dem ersten Schnee in diesem Herbst begrüßt.

Am Ende waren sich dann alle Teilnehmer einig, es war eine ganz besondere Woche mit zahlreichen Anregungen für Körper und Geist, bei der auch die eine oder andere neue Freundschaft geknüpft worden ist, so daß im nächsten Jahr einige von uns dann auch sicher wieder dabei sein werden."


Zeitungsartikel

DIE ZEIT 05/2005

"Unter leisem Himmel
Kräuter schmecken, Oliven ernten und den italienischen Alltag riechen – wie Blinde das Cilento im Süden des Landes erleben

Von Sandra Schulz

Gayers Hände tanzen über das Fleisch. Mit flinken Fingern befühlt er das Tier: den Rüssel, die Ohren, die Keulen, das Einschussloch. »Warum hast du die Haut schon abgemacht?«, fragt er Romeo, ein bisschen enttäuscht. Mit großer Geste wetzt Otto Gayer das Messer. Dann packt er das Schwein, klappt ein Hinterbein hoch und säbelt es ab. Stück für Stück zerteilt er den Rumpf, Blut läuft über den Holzblock, am Ende nimmt Gayer den Kopf und dreht und zerrt, bis es knackt. Fertig! Spontaner Applaus. Gayer grinst. »Metzger war für mich ein Traumberuf.« Jetzt ist er Klavierstimmer. Ein blinder Klavierstimmer im Urlaub.

Eine Kochreise im Cilento hat Gayer gebucht. Eine Reise für die Sinne, sieben Tage Süditalien für Sehbehinderte und Blinde. Sieben Tage im Ristorante Romeo in Bosco, einem kampanischen Dorf mit 300 Einwohnern und einer unbekannten Anzahl von Hunden. Sieben Tage Büffelmozzarella, Wildschweinragout und Pilzpfanne – und viel Nudeln und Rotwein.

»Ist der Wein limitiert?«, fragt Otto Gayer am ersten Abend. – »Hauptsache, du findest deinen Balken noch!«, antwortet Uwe Hahnewald. Die Zimmertüren der Blinden sind markiert: ein senkrechter Klebestreifen für Gayer, 63 Jahre, ein horizontaler für Hahnewald, 27 Jahre alt. Doch beide brauchen weder die Balken am Türschloss noch das Schild am Geländer in Punktschrift: 1. Stock. Gayer bricht sofort auf zur Zimmereroberung. Als Erstes fragt er: Wo stehen die Betten? Rechts oder links von der Tür? Seinen Rundgang mit Stock beginnt Gayer immer an der Wand gegenüber den Betten. Dann tastet er mit beiden Händen den Tisch ab, den Fernseher, den Schrank. Nach zehn Minuten weiß er nicht nur, wo im Bad die Steckdose für den Rasierapparat ist und wo die Spülung der Toilette. Er könnte ein Bild von seinem Hotelzimmer malen. Neues Land ist gewonnen – auch dank Christinchen.

Gayer war nie verheiratet, in seiner Wohnung lebt er allein. Aber Christinchen ist immer bei ihm, immer auf dem Nachttisch, seit zwanzig Jahren, auf jeder Reise. Christinchen ist ein sprechender Radiowecker mit weiblicher Stimme. Christinchen ist seine »Orientierungszentrale«, wie Gayer sagt. Wenn Gayer ins Zimmer kommt, schaltet er das Radio an. Was hat er nicht schon alles gehört – ägyptische, kanadische, schwedische Radiosender. Das Wichtigste aber ist: Sobald Christinchen läuft, wird sie zum akustischen Bezugspunkt, und Gayer findet sich in der Fremde zurecht.

Sonntag. Fünf Deutsche auf ihrem ersten gemeinsamen Spaziergang: Susanne Hahn, die unter dem Namen anders-sehn blindengerechte Reisen konzipiert. Heidrun Mann, Reiseveranstalterin, Hans-Peter Wendel, stark sehbehindert durch seine Augenkrankheit, Hahnewald und Gayer. Die Sehenden werden zu Landschaftserzählern. Bosco liegt auf einer Bergkuppe, wir schauen auf den Golf von Policastro. Hier, direkt hinter dem Hotel, ist der Monte Bulgheria, 1225 Meter hoch, schroff und felsig. Davor wachsen Olivenbäume, oberhalb der Hauptstraße grast ein Esel. Jetzt geht es rechts ab zum alten Dorfkern, die Straßenschilder sind bemalte Kacheln. Die Sehenden erzählen von Wäscheleinen und bunt geringelten Kniestrümpfen, die in Reih und Glied zum Trocknen hängen. Sie erzählen von Mauernischen mit Christusbild und Blumensträußchen. Von rostigen Vespas und Efeu im Torbogen. Doch vieles lassen sie weg: die Chilischoten im Fensterrahmen, die Perlenvorhänge an den Türen. Sie sagen: Vor uns steht eine Kirche. Sie sagen nicht, dass das Kreuz auf dem Dach zur Seite gekippt ist. Manchem fallen Details gar nicht auf, manchem erscheinen sie nicht wichtig. Oft ist die genaue Wiedergabe zu mühselig. Und keiner kann so schnell reden, wie er guckt. Was Gayer und Hahnewald bleibt, ist eine von anderen getroffene Auswahl optischer Eindrücke – und ihre eigene Wahrnehmung. Da klappert etwas aus Blech, da vorn hämmert jemand. Da hat jemand eine Metallstange fallen lassen. Eine Säge. Eine Flöte. Ein Pfeifen. Rechts hört es sich an, als würde etwas runtertropfen. Hier wird die Straße ziemlich eng, die Stimmen und Schritte klingen hohl. Jetzt öffnet sich der Raum wieder, die Wände sind weg. überall riecht es nach Rauch.

Immer wieder passieren Fehler. Was Uwe Hahnewald für den Flügelschlag eines Vogels hält, ist in Wahrheit der Wind, der die kreuz und quer gespannten Bänder in den Gassen zum Schwingen bringt. Bänder, mit denen die Einwohner von Bosco ihr Dorf schmückten, als sie das große Fest zu Ehren ihres Schutzpatrons feierten. Irreführend sind auch die kleinen Ungenauigkeiten in der Sprache der Sehenden. So hat sich Hahnewald das Empire State Building einmal pyramidenförmig vorgestellt, nur weil jemand beiläufig die Worte »spitz zulaufend« benutzte. »Wir haben noch gar keine Kinder gesehen«, sagt Uwe Hahnewald am Ende des Rundgangs. Wie selbstverständlich benutzt Hahnewald das Wort »sehen«, auch wenn er meint: kein Kindergeschrei gehört. Tatsächlich bleiben in den Dörfern des Cilento nur die Alten zurück. Viele, die sich, auf den Spazierstock gestützt, zum Palaver treffen oder zum Kartenspiel in der Bar, sind heimgekehrte Gastarbeiter. Noch heute ziehen die Jungen, die ihr Geld nicht als Olivenbauer, Handwerker oder Fischer verdienen wollen, weg in die Großstädte. Es gibt kaum Arbeit in der Region, und erst wenige Touristen haben die Schönheit des Cilento entdeckt. Die grünen Berge, die Kastanienwälder, das Tal der Orchideen. Seit 1998 gehört der Nationalpark des Cilento zum Weltkulturerbe der Menschheit.

Erkenntnisse vom ersten Tag: Der Himmel ist leiser über Italien. Zumindest über Bosco. Leiser als im Schwarzwald, wo man auf dem einsamsten Berg sitzen kann, und dann dröhnt doch irgendwo ein Flugzeug. Sagt Uwe Hahnewald. Griechische Kirchenglocken klingen blecherner als italienische. Sagt Otto Gayer. Einen fremden Geruch habe er heute Morgen in der Nase gehabt, erzählt Gayer noch. Anders als der in seinem schwäbischen Dorf, wo Gayer neben einer Weinkelterei wohnt und versucht, anhand der Gärgase die Weinsorte zu erraten. Die Gase stören ihn nicht, aber einmal quälte ihn eine Versicherungsvertreterin mit schwerem Parfum. Danach konnte Gayer wochenlang nichts mehr riechen, nicht das Essen in der Pfanne, nicht, ob die Zwiebeln bräunten oder anbrannten. Dabei koche er, sagt Gayer, doch nur mit der Nase. 17.30 Uhr. Antreten mit Schürze und Kochmütze. Erste Aufgabe: Kuchen backen. Romeo, der Küchenchef, taucht Hahnewalds Hand in die Schüssel mit Eiern und Mehl, und der fängt an zu kneten, zaghaft zuerst. Zwischendurch hält Hahnewald inne und streicht über die gelbe Masse. Fast scheint es, als streichele er den Teig. Dann übernimmt Gayer und walkt mit zuckendem Mundwinkel und der ganzen Kraft seiner Körpermasse. Am Ende sieht der Kuchen fast so aus wie der von Romeos Frau. Später sagt Hahnewald, dass es gut war, dass Romeo seine Hände beim Kneten führte. Ein komplexer Bewegungsablauf sei das, und die Sehenden seien beim Kochen und Backen oftmals verstummt. Vor lauter Zugucken vergäßen sie die Beschreibung. Einfach ist dagegen der Umgang mit Messern. Keiner der Blinden kann sich erinnern, wann er sich das letzte Mal geschnitten hat. Gayers Trick: die Finger beim Festhalten nicht flach auf das Schneidegut legen, sondern senkrecht stellen, sodass sich die Nägel ins Fleisch oder Brot bohren. Dann das Messer entlang der Fingerwand führen.

Montag. Olivenernte und Kräuterschnuppern stehen auf dem Programm. Hoch geht es den Hang hinauf zu Romeos Küchengarten. Oregano, Minze, wilder Fenchel und Thymian kreisen, Anisblüten werden zerrieben, Kakifrüchte und Kaktusfeigen probiert. Zwischendurch kleine Ratespiele für Blinde: Kürbis oder Melone? Mit Härchen am Stiel ist es Kürbis. Uwe Hahnewald steht mit Gummistiefeln im Gras. Von oben nach unten tastet er den Zweig ab, bis er auf eine Olive trifft. Er streicht mit der Daumenkuppe über die kleinen Dellen der Olive. Eigentlich müsse er nicht ständig stehen bleiben und irgendetwas anfassen, sagt Hahnewald. Zumal wenn es rau und hart ist wie das in Stein geritzte Ornament bei der Kirche von Bosco. Doch die unterschiedlichen Formen von Blättern prägt er sich gern ein. Lang und spitz ist das des Olivenbaums und glatter als das große, dicke, klebrige Feigenblatt mit seiner sandpapierartigen Oberfläche. Auch ein »Riechtyp« sei er nicht, sagt Hahnewald, sondern »mehr das Ohrentier«. Also greift er in den Eimer und lässt die Oliven kullern und ploppen und freut sich über das »coole Geräusch«. Trotz vieler Operationen erkennt Hahnewald seit dem Unfall als Kind weder Farben noch Konturen. Nur den Unterschied zwischen hell und dunkel kann er noch wahrnehmen. Wenn die Wolken sich auf den Bergrücken legen und der Himmel über Bosco plötzlich blau wird, erscheint für Hahnewald die Welt ein bisschen hellgrauer. Es sind Stimmungen und bestimmte Details, die ihm von seinen Reisen in Erinnerung bleiben. In Sri Lanka: die Elefantenhaut mit ihren Borsten, die sich anfühlt wie ein Besen. Das laute Grillenzirpen. Am Roten Meer: die feste, vernarbte Haut der Delfine, mit denen er schwamm. In ägypten: diese »Grabesstille« ganz unten im Canyon.

Nur einmal hat Hahnewald bisher an einer Gruppenreise für Blinde teilgenommen. 23 Jahre war er damals alt, und gestört hat es ihn schon, dass er der einzige junge Mann war unter lauter Altersblinden. Hahnewald fährt lieber mit Sehenden in den Urlaub, auch wenn das die Freundschaft manchmal belastet. Einigen ist vorher nicht klar, wie anstrengend es sein kann, jeden Tag Speisekarten vorzulesen und »Führungsarbeit« zu leisten, das heißt: Hahnewald unterzuhaken und für zwei aufzupassen. Blinde sollen unabhängig in den Urlaub fahren können, meint auch Susanne Hahn. Deswegen bietet sie einen Service für Alleinreisende an: eine sehende Begleitperson vor Ort. Im Mai 2004 hat sie anders-sehn gegründet; besonders junge Blinde sind ihre Zielgruppe. Leute wie Hahnewald, der Psychologie studiert und eine Ausbildung zum PR-Assistenten gemacht hat und zu Hause in Freiburg einen besonderen Kung-Fu-Stil übt.
Otto Gayer dagegen ist meist mit seinem Verein von Sehenden und Blinden unterwegs. Erst als Blinder hat Gayer die Welt kennen gelernt: Marokko, Bulgarien, Lettland, die Philippinen und vieles mehr. Einmal buchte er eine Kreuzfahrt von Thailand nach Malaysia und war jeden Morgen beim Segelhissen dabei. Er lauschte dem knatternden, flatternden Tuch und spürte den Ruck, wenn ein Windstoß das Schiff packte. Und es war, sagt Gayer, noch schöner, als er es sich vorgestellt hatte. Schon als junger Metzgergeselle hatte er davon geträumt, einmal als Smutje zur See zu fahren. Seinen Beruf als Metzger musste Otto Gayer aufgeben, »als der Bulle besser sehen konnte, wo es zum Schlachten hinging, als ich«. 21 Jahre alt war Gayer da. Sein Gesichtsfeld wurde immer eingeschränkter, irgendwann hatte er den so genannten Röhrenblick, mit 39 war sein Sehvermögen ganz verschwunden. Gayers Reisen sind nicht nur ein Ankommen in der Fremde, sondern auch ein Entkommen aus der heimischen Enge. Keine Kontrolle, keine guten Ratschläge der Verwandtschaft. Denk nur, wenn du im Ausland stürzt!, jammern sein Bruder und seine Schwägerin. Aber ihre Fürsorge reizt Gayer umso mehr. »Dann setze ich mich sofort an den Computer und suche mir die nächste Reise aus«, sagt er. Wir geben dir Geld mit, damit du telefonieren kannst, bietet die Schwägerin an. Aber Otto Gayer ruft trotzdem in vier Wochen Urlaub nur einmal zu Hause an. Gayer sagt, er wolle beweisen, dass man als Blinder etwas machen kann. Vieles ist eine Frage der Organisation und der Cleverness. Seinen Koffer hat Gayer fotografieren lassen, das Bild zeigt er am Förderband seinem Begleiter. In seinem Notizbuch hat er in Punktschrift die Nummern sämtlicher Taxizentralen vermerkt. Einen Vorteil hat seine Krankheit immerhin: Mit dem Augenlicht verging auch die Flugangst. Als Sehender suchte er sofort die Notausgänge. Er hatte das Gefühl, er müsse alles für seine Sicherheit tun. Als Blinder, weiß er, hat er sowieso keine Chance. Seitdem ist er ruhig und hört auf Langstreckenflügen gern Orgelmusik.

Mittwoch. Ausflug zum Kap von Palinuro. Der Strand ist weit, eingerahmt von rötlichem Fels. Uwe Hahnewald kann laufen, endlich allein laufen, ohne Blindenstock und Begleitperson. Er kann sogar rennen. Kein Hindernis, an dem er sich stoßen könnte. Wenn er fällt, fällt er weich. Unter seinen Füßen nur Sand, mal matschig und nachgiebig, mal körnig und hart. Sand, der an den Zehen klebt. Hahnewald geht gern barfuß. Zwischen dem Meeresrauschen zur Linken und der Düne zur Rechten ist sein Weg. Wie aus dem Nichts, sagt Uwe Hahnewald, entstehe das Geräusch der Wellen. Anders als das Brausen des Windes gestern im Wald, das sich allmählich steigerte und langsam verebbte, als würde man einen Regler im Tonstudio behutsam bedienen. Das Meer hält kurz inne und schlägt dann dumpf grollend los. Hahnewald legt sich in die Brandung, den heranrollenden Wellen entgegen. Als würde jemand unter dich greifen, so ist es, wenn das Meer deinen Körper mit letzter Kraft erreicht. Dabei sei der Sog im Indischen Ozean noch viel krasser. Und das Rote Meer, sagt Hahnewald, schmecke salziger als das Tyrrhenische. Keines dieser Meere hat Uwe Hahnewald jemals gesehen. Es ist die Ostsee, die für immer seine Vorstellung prägt. An der Ostsee verbrachte er als kleiner Junge seine Ferien, vor dem Unfall. Hahnewald hat eine Reihe verschwommener visueller Erinnerungen. Aus ihnen bastelt er sich mit viel Fantasie in der Fremde neue Kulissen. Ob es kein Schiff am Horizont gebe, fragt Hahnewald. Das hätte er dann in sein inneres Bild eingefügt. Das Meer, meint Uwe Hahnewald am letzten Abend, kurz bevor er die Platte mit Muscheln zum Esstisch balanciert, das Meer habe ihm am besten gefallen. Otto Gayer dagegen sagt klar und ohne zu zögern: »Am besten war das Wildschweinragout!« [...]"


Ärztezeitung 19.04.2005

" "Eine Reise für Blinde in den Regenwald ist vorstellbar" Städtereisen oder Wanderurlaub: Der Bamberger Reiseveranstalter "anders-sehn" bietet nur Reisen für Blinde an
Von Sebastian Waldmann

Natur fühlen, Städte hören, Sehenswürdigkeiten riechen: So erfährt ein Blinder seinen Urlaub. Doch selten genug begeben sich Blinde und Sehbehinderte auf Reisen. Es gibt zu viele Schwierigkeiten, die Sehende nicht kennen. Ohne Begleitperson können sich diese Menschen in fremder Umgebung fast nicht zurechtfinden.

"Es fehlt meistens einfach an Erfahrung mit Sehbehinderten, und daher ist es schwer, die Art des Erlebens richtig einzuschätzen", sagt Susanne Hahn, Inhaberin von "anders-sehn" in Bamberg, dem nach eigenen Angaben ersten privaten Reiseanbieter nur für Blinde in Deutschland.

Reisen mit Blinden erfordern viel Organisation
Reisen für Blinde zu veranstalten, erfordert ein hohes Maß an Organisation, meint die Ethnologin und Kulturmanagerin. Direkt vor Ort müßten Absprachen getroffen werden, beispielsweise mit Museen oder Fremdenführern. Das Programm sollte bestmöglich auf Blinde abgestimmt werden. Das heißt, mit Museumsleitern muß beispielsweise vereinbart werden, daß die Ausstellungsstücke auch berührt werden dürfen, was sonst meist verboten ist.

Das Angebot von "anders-sehn" umfaßt Kurzreisen, Städtereisen, Natur- und Kulturreisen innerhalb Deutschlands und im europäischen Ausland. Ziele sind unter anderem die historische Altstadt von Prag oder ein Wanderurlaub in Südtirol. "In diesem Jahr biete ich zehn Reisen an und hoffe, im nächsten Jahr mein Programm erweitern zu können", sagt Hahn. Einschränkungen bei den Reisezielen gebe es prinzipiell keine: "Eine Reise in den Regenwald ist durchaus vorstellbar."

"Mir hat die Reise mit Frau Hahn sehr gut gefallen, da es eine gute Mischung aus sportlicher Betätigung und kulturellem Rahmenprogramm war. Ich würde den Urlaub jeder Zeit wiederholen", erzählt Frank Wolter, blinder Reiseteilnehmer bei einem Wanderurlaub in Südtirol. "Die Teilnehmer wurden umfassend betreut, aber nicht übermäßig bemuttert." Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis sei in Ordnung, findet Wolter.

Ein Schnäppchen sei ihr Angebot nicht, gesteht Hahn und begründet dies mit dem wesentlichen höheren organisatorischen und personellen Aufwand. Eine Reise nach Prag im Frühling, drei übernachtungen mit Vollpension und Programm, kostet 395 Euro.

Die Hin- und Rückfahrt müssen die Teilnehmer selbst finanzieren. Zudem bietet Hahn auch die Organisation von Individualreisen an. "Wenn jemand einmal zu seinem Traumziel möchte, so ist dies grundsätzlich möglich. Eine frühzeitige Absprache ist jedoch aus Planungsgründen unbedingt notwendig", erklärt Hahn.

Eine Alternative zu Behindertenreisen
Nach Angaben des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) gibt es etwa 145 000 registrierte Blinde in Deutschland. Vor allem jungen Menschen möchte sie eine Alternative zu Behindertenreisen sozialer Verbände geben. Die Urlaubsangebote der Wohlfahrtsverbände werden primär von Altersblinden genutzt und schrecken daher viele junge Erwachsene ab.

Sie sei glücklich, ihre soziale Ader in ihrem Beruf verwirklichen zu können, sagt Hahn. Sie hofft, viele Reisen organisieren zu können, und zitiert Jean Paul: "Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt Leben Reisen ist."
Informationen im Internet: www.anders-sehn.de. Die Webseite ist optimiert für Text- und Sprachausgabe-Software für blinde Nutzer."


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