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Reisen und Erlebnisse für Blinde und Sehbehinderte

Foto: Ein blinder Reisender ertastet das Relief einer Marmorsäule

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05/2005
DIE ZEIT

1/2005
horus
Reisebericht eines blinden Teilnehmers

28.01.2005
Hannoversche Allgemeine Zeitung

10.03.2005
Interview im Bayerischer Rundfunk

19.03.2005
Interview im ABSV Radio Berlin

13.04.2005
Fränkischer Tag

19.04.2005
Ärztezeitung

01.06.2005
Travel One

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Würzburger Neueste Nachrichten

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Leipziger Volkszeitung

05.10.2005
Westallgäuer

28.11.2005
Reportage im Bayerischen Fernsehen

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DIE ZEIT 05/2005
Unter leisem Himmel
Kräuter schmecken, Oliven ernten und den italienischen Alltag riechen wie Blinde das Cilento im Süden des Landes erleben

Von Sandra Schulz

Gayers Hände tanzen über das Fleisch. Mit flinken Fingern befühlt er das Tier: den Rüssel, die Ohren, die Keulen, das Einschussloch. »Warum hast du die Haut schon abgemacht?«, fragt er Romeo, ein bisschen enttäuscht. Mit großer Geste wetzt Otto Gayer das Messer. Dann packt er das Schwein, klappt ein Hinterbein hoch und säbelt es ab. Stück für Stück zerteilt er den Rumpf, Blut läuft über den Holzblock, am Ende nimmt Gayer den Kopf und dreht und zerrt, bis es knackt. Fertig! Spontaner Applaus. Gayer grinst. »Metzger war für mich ein Traumberuf.« Jetzt ist er Klavierstimmer. Ein blinder Klavierstimmer im Urlaub.

Eine Kochreise im Cilento hat Gayer gebucht. Eine Reise für die Sinne, sieben Tage Süditalien für Sehbehinderte und Blinde. Sieben Tage im Ristorante Romeo in Bosco, einem kampanischen Dorf mit 300 Einwohnern und einer unbekannten Anzahl von Hunden. Sieben Tage Büffelmozzarella, Wildschweinragout und Pilzpfanne und viel Nudeln und Rotwein.

»Ist der Wein limitiert?«, fragt Otto Gayer am ersten Abend. »Hauptsache, du findest deinen Balken noch!«, antwortet Uwe Hahnewald. Die Zimmertüren der Blinden sind markiert: ein senkrechter Klebestreifen für Gayer, 63 Jahre, ein horizontaler für Hahnewald, 27 Jahre alt. Doch beide brauchen weder die Balken am Türschloss noch das Schild am Geländer in Punktschrift: 1. Stock. Gayer bricht sofort auf zur Zimmereroberung. Als Erstes fragt er: Wo stehen die Betten? Rechts oder links von der Tür? Seinen Rundgang mit Stock beginnt Gayer immer an der Wand gegenüber den Betten. Dann tastet er mit beiden Händen den Tisch ab, den Fernseher, den Schrank. Nach zehn Minuten weiß er nicht nur, wo im Bad die Steckdose für den Rasierapparat ist und wo die Spülung der Toilette. Er könnte ein Bild von seinem Hotelzimmer malen. Neues Land ist gewonnen auch dank Christinchen.

Gayer war nie verheiratet, in seiner Wohnung lebt er allein. Aber Christinchen ist immer bei ihm, immer auf dem Nachttisch, seit zwanzig Jahren, auf jeder Reise. Christinchen ist ein sprechender Radiowecker mit weiblicher Stimme. Christinchen ist seine »Orientierungszentrale«, wie Gayer sagt. Wenn Gayer ins Zimmer kommt, schaltet er das Radio an. Was hat er nicht schon alles gehört ägyptische, kanadische, schwedische Radiosender. Das Wichtigste aber ist: Sobald Christinchen läuft, wird sie zum akustischen Bezugspunkt, und Gayer findet sich in der Fremde zurecht.

Sonntag. Fünf Deutsche auf ihrem ersten gemeinsamen Spaziergang: Susanne Hahn, die unter dem Namen anders-sehn blindengerechte Reisen konzipiert. Heidrun Mann, Reiseveranstalterin, Hans-Peter Wendel, stark sehbehindert durch seine Augenkrankheit, Hahnewald und Gayer. Die Sehenden werden zu Landschaftserzählern. Bosco liegt auf einer Bergkuppe, wir schauen auf den Golf von Policastro. Hier, direkt hinter dem Hotel, ist der Monte Bulgheria, 1225 Meter hoch, schroff und felsig. Davor wachsen Olivenbäume, oberhalb der Hauptstraße grast ein Esel. Jetzt geht es rechts ab zum alten Dorfkern, die Straßenschilder sind bemalte Kacheln. Die Sehenden erzählen von Wäscheleinen und bunt geringelten Kniestrümpfen, die in Reih und Glied zum Trocknen hängen. Sie erzählen von Mauernischen mit Christusbild und Blumensträußchen. Von rostigen Vespas und Efeu im Torbogen. Doch vieles lassen sie weg: die Chilischoten im Fensterrahmen, die Perlenvorhänge an den Türen. Sie sagen: Vor uns steht eine Kirche. Sie sagen nicht, dass das Kreuz auf dem Dach zur Seite gekippt ist. Manchem fallen Details gar nicht auf, manchem erscheinen sie nicht wichtig. Oft ist die genaue Wiedergabe zu mühselig. Und keiner kann so schnell reden, wie er guckt. Was Gayer und Hahnewald bleibt, ist eine von anderen getroffene Auswahl optischer Eindrücke und ihre eigene Wahrnehmung. Da klappert etwas aus Blech, da vorn hämmert jemand. Da hat jemand eine Metallstange fallen lassen. Eine Säge. Eine Flöte. Ein Pfeifen. Rechts hört es sich an, als würde etwas runtertropfen. Hier wird die Straße ziemlich eng, die Stimmen und Schritte klingen hohl. Jetzt öffnet sich der Raum wieder, die Wände sind weg. überall riecht es nach Rauch.

Immer wieder passieren Fehler. Was Uwe Hahnewald für den Flügelschlag eines Vogels hält, ist in Wahrheit der Wind, der die kreuz und quer gespannten Bänder in den Gassen zum Schwingen bringt. Bänder, mit denen die Einwohner von Bosco ihr Dorf schmückten, als sie das große Fest zu Ehren ihres Schutzpatrons feierten. Irreführend sind auch die kleinen Ungenauigkeiten in der Sprache der Sehenden. So hat sich Hahnewald das Empire State Building einmal pyramidenförmig vorgestellt, nur weil jemand beiläufig die Worte »spitz zulaufend« benutzte. »Wir haben noch gar keine Kinder gesehen«, sagt Uwe Hahnewald am Ende des Rundgangs. Wie selbstverständlich benutzt Hahnewald das Wort »sehen«, auch wenn er meint: kein Kindergeschrei gehört. Tatsächlich bleiben in den Dörfern des Cilento nur die Alten zurück. Viele, die sich, auf den Spazierstock gestützt, zum Palaver treffen oder zum Kartenspiel in der Bar, sind heimgekehrte Gastarbeiter. Noch heute ziehen die Jungen, die ihr Geld nicht als Olivenbauer, Handwerker oder Fischer verdienen wollen, weg in die Großstädte. Es gibt kaum Arbeit in der Region, und erst wenige Touristen haben die Schönheit des Cilento entdeckt. Die grünen Berge, die Kastanienwälder, das Tal der Orchideen. Seit 1998 gehört der Nationalpark des Cilento zum Weltkulturerbe der Menschheit.

Erkenntnisse vom ersten Tag: Der Himmel ist leiser über Italien. Zumindest über Bosco. Leiser als im Schwarzwald, wo man auf dem einsamsten Berg sitzen kann, und dann dröhnt doch irgendwo ein Flugzeug. Sagt Uwe Hahnewald. Griechische Kirchenglocken klingen blecherner als italienische. Sagt Otto Gayer. Einen fremden Geruch habe er heute Morgen in der Nase gehabt, erzählt Gayer noch. Anders als der in seinem schwäbischen Dorf, wo Gayer neben einer Weinkelterei wohnt und versucht, anhand der Gärgase die Weinsorte zu erraten. Die Gase stören ihn nicht, aber einmal quälte ihn eine Versicherungsvertreterin mit schwerem Parfum. Danach konnte Gayer wochenlang nichts mehr riechen, nicht das Essen in der Pfanne, nicht, ob die Zwiebeln bräunten oder anbrannten. Dabei koche er, sagt Gayer, doch nur mit der Nase. 17.30 Uhr. Antreten mit Schürze und Kochmütze. Erste Aufgabe: Kuchen backen. Romeo, der Küchenchef, taucht Hahnewalds Hand in die Schüssel mit Eiern und Mehl, und der fängt an zu kneten, zaghaft zuerst. Zwischendurch hält Hahnewald inne und streicht über die gelbe Masse. Fast scheint es, als streichele er den Teig. Dann übernimmt Gayer und walkt mit zuckendem Mundwinkel und der ganzen Kraft seiner Körpermasse. Am Ende sieht der Kuchen fast so aus wie der von Romeos Frau. Später sagt Hahnewald, dass es gut war, dass Romeo seine Hände beim Kneten führte. Ein komplexer Bewegungsablauf sei das, und die Sehenden seien beim Kochen und Backen oftmals verstummt. Vor lauter Zugucken vergäßen sie die Beschreibung. Einfach ist dagegen der Umgang mit Messern. Keiner der Blinden kann sich erinnern, wann er sich das letzte Mal geschnitten hat. Gayers Trick: die Finger beim Festhalten nicht flach auf das Schneidegut legen, sondern senkrecht stellen, sodass sich die Nägel ins Fleisch oder Brot bohren. Dann das Messer entlang der Fingerwand führen.

Montag. Olivenernte und Kräuterschnuppern stehen auf dem Programm. Hoch geht es den Hang hinauf zu Romeos Küchengarten. Oregano, Minze, wilder Fenchel und Thymian kreisen, Anisblüten werden zerrieben, Kakifrüchte und Kaktusfeigen probiert. Zwischendurch kleine Ratespiele für Blinde: Kürbis oder Melone? Mit Härchen am Stiel ist es Kürbis. Uwe Hahnewald steht mit Gummistiefeln im Gras. Von oben nach unten tastet er den Zweig ab, bis er auf eine Olive trifft. Er streicht mit der Daumenkuppe über die kleinen Dellen der Olive. Eigentlich müsse er nicht ständig stehen bleiben und irgendetwas anfassen, sagt Hahnewald. Zumal wenn es rau und hart ist wie das in Stein geritzte Ornament bei der Kirche von Bosco. Doch die unterschiedlichen Formen von Blättern prägt er sich gern ein. Lang und spitz ist das des Olivenbaums und glatter als das große, dicke, klebrige Feigenblatt mit seiner sandpapierartigen Oberfläche. Auch ein »Riechtyp« sei er nicht, sagt Hahnewald, sondern »mehr das Ohrentier«. Also greift er in den Eimer und lässt die Oliven kullern und ploppen und freut sich über das »coole Geräusch«. Trotz vieler Operationen erkennt Hahnewald seit dem Unfall als Kind weder Farben noch Konturen. Nur den Unterschied zwischen hell und dunkel kann er noch wahrnehmen. Wenn die Wolken sich auf den Bergrücken legen und der Himmel über Bosco plötzlich blau wird, erscheint für Hahnewald die Welt ein bisschen hellgrauer. Es sind Stimmungen und bestimmte Details, die ihm von seinen Reisen in Erinnerung bleiben. In Sri Lanka: die Elefantenhaut mit ihren Borsten, die sich anfühlt wie ein Besen. Das laute Grillenzirpen. Am Roten Meer: die feste, vernarbte Haut der Delfine, mit denen er schwamm. In ägypten: diese »Grabesstille« ganz unten im Canyon.

Nur einmal hat Hahnewald bisher an einer Gruppenreise für Blinde teilgenommen. 23 Jahre war er damals alt, und gestört hat es ihn schon, dass er der einzige junge Mann war unter lauter Altersblinden. Hahnewald fährt lieber mit Sehenden in den Urlaub, auch wenn das die Freundschaft manchmal belastet. Einigen ist vorher nicht klar, wie anstrengend es sein kann, jeden Tag Speisekarten vorzulesen und »Führungsarbeit« zu leisten, das heißt: Hahnewald unterzuhaken und für zwei aufzupassen. Blinde sollen unabhängig in den Urlaub fahren können, meint auch Susanne Hahn. Deswegen bietet sie einen Service für Alleinreisende an: eine sehende Begleitperson vor Ort. Im Mai 2004 hat sie anders-sehn gegründet; besonders junge Blinde sind ihre Zielgruppe. Leute wie Hahnewald, der Psychologie studiert und eine Ausbildung zum PR-Assistenten gemacht hat und zu Hause in Freiburg einen besonderen Kung-Fu-Stil übt.
Otto Gayer dagegen ist meist mit seinem Verein von Sehenden und Blinden unterwegs. Erst als Blinder hat Gayer die Welt kennen gelernt: Marokko, Bulgarien, Lettland, die Philippinen und vieles mehr. Einmal buchte er eine Kreuzfahrt von Thailand nach Malaysia und war jeden Morgen beim Segelhissen dabei. Er lauschte dem knatternden, flatternden Tuch und spürte den Ruck, wenn ein Windstoß das Schiff packte. Und es war, sagt Gayer, noch schöner, als er es sich vorgestellt hatte. Schon als junger Metzgergeselle hatte er davon geträumt, einmal als Smutje zur See zu fahren. Seinen Beruf als Metzger musste Otto Gayer aufgeben, »als der Bulle besser sehen konnte, wo es zum Schlachten hinging, als ich«. 21 Jahre alt war Gayer da. Sein Gesichtsfeld wurde immer eingeschränkter, irgendwann hatte er den so genannten Röhrenblick, mit 39 war sein Sehvermögen ganz verschwunden. Gayers Reisen sind nicht nur ein Ankommen in der Fremde, sondern auch ein Entkommen aus der heimischen Enge. Keine Kontrolle, keine guten Ratschläge der Verwandtschaft. Denk nur, wenn du im Ausland stürzt!, jammern sein Bruder und seine Schwägerin. Aber ihre Fürsorge reizt Gayer umso mehr. »Dann setze ich mich sofort an den Computer und suche mir die nächste Reise aus«, sagt er. Wir geben dir Geld mit, damit du telefonieren kannst, bietet die Schwägerin an. Aber Otto Gayer ruft trotzdem in vier Wochen Urlaub nur einmal zu Hause an. Gayer sagt, er wolle beweisen, dass man als Blinder etwas machen kann. Vieles ist eine Frage der Organisation und der Cleverness. Seinen Koffer hat Gayer fotografieren lassen, das Bild zeigt er am Förderband seinem Begleiter. In seinem Notizbuch hat er in Punktschrift die Nummern sämtlicher Taxizentralen vermerkt. Einen Vorteil hat seine Krankheit immerhin: Mit dem Augenlicht verging auch die Flugangst. Als Sehender suchte er sofort die Notausgänge. Er hatte das Gefühl, er müsse alles für seine Sicherheit tun. Als Blinder, weiß er, hat er sowieso keine Chance. Seitdem ist er ruhig und hört auf Langstreckenflügen gern Orgelmusik.

Mittwoch. Ausflug zum Kap von Palinuro. Der Strand ist weit, eingerahmt von rötlichem Fels. Uwe Hahnewald kann laufen, endlich allein laufen, ohne Blindenstock und Begleitperson. Er kann sogar rennen. Kein Hindernis, an dem er sich stoßen könnte. Wenn er fällt, fällt er weich. Unter seinen Füßen nur Sand, mal matschig und nachgiebig, mal körnig und hart. Sand, der an den Zehen klebt. Hahnewald geht gern barfuß. Zwischen dem Meeresrauschen zur Linken und der Düne zur Rechten ist sein Weg. Wie aus dem Nichts, sagt Uwe Hahnewald, entstehe das Geräusch der Wellen. Anders als das Brausen des Windes gestern im Wald, das sich allmählich steigerte und langsam verebbte, als würde man einen Regler im Tonstudio behutsam bedienen. Das Meer hält kurz inne und schlägt dann dumpf grollend los. Hahnewald legt sich in die Brandung, den heranrollenden Wellen entgegen. Als würde jemand unter dich greifen, so ist es, wenn das Meer deinen Körper mit letzter Kraft erreicht. Dabei sei der Sog im Indischen Ozean noch viel krasser. Und das Rote Meer, sagt Hahnewald, schmecke salziger als das Tyrrhenische. Keines dieser Meere hat Uwe Hahnewald jemals gesehen. Es ist die Ostsee, die für immer seine Vorstellung prägt. An der Ostsee verbrachte er als kleiner Junge seine Ferien, vor dem Unfall. Hahnewald hat eine Reihe verschwommener visueller Erinnerungen. Aus ihnen bastelt er sich mit viel Fantasie in der Fremde neue Kulissen. Ob es kein Schiff am Horizont gebe, fragt Hahnewald. Das hätte er dann in sein inneres Bild eingefügt. Das Meer, meint Uwe Hahnewald am letzten Abend, kurz bevor er die Platte mit Muscheln zum Esstisch balanciert, das Meer habe ihm am besten gefallen. Otto Gayer dagegen sagt klar und ohne zu zögern: »Am besten war das Wildschweinragout!«

Information
Anreise:
Lufthansa/Air Dolomiti fliegt von München direkt nach Neapel. Winterspezial-Tarif 129 Euro plus rund 57 Euro Steuern. Für die Weiterreise nach Bosco empfiehlt sich ein Leihwagen
Unterkunft:
Hotel und Restaurant werden von Romeo Iannuzzi und seiner Familie geführt. Die Küche ist ausgezeichnet. Zimmer mit Frühstück je nach Saison von 25 bis 36 Euro, mit Halbpension 25 bis 50 Euro. Albergo-Ristorante Romeo, Frazione di San Giovanni a Piro, I-84040 Bosco, Tel./Fax 0039-0974/980004, www.romeo-bosco.com
Veranstalter:
Die Kochreise hat anders-sehn in Kooperation mit onda tours veranstaltet. Kontakt anders-sehn: Susanne Hahn, Urbanstraße 7a, 96047 Bamberg, Tel. 0951/2971080, E-Mail: suhahn@web.de. Susanne Hahn bietet Gruppenreisen (maximal 16 Teilnehmer) für Blinde und Sehbehinderte an. Kontakt onda tours: Heidrun Mann, Tel. 07121/144550, www.ondatours.de. 7 übernachtungen mit Vollpension und 6 cilentanischen Menüs kosten 980 Euro
Die Kochreise findet erneut am 28. Oktober und am 5. November statt. Weitere Reisen von anders-sehn: Schneeschuhwandern in Thüringen, 18. bis 20. Februar, Prag, 19. bis 22. Mai. Alle Angebote auf der Infokassette von anders-sehn oder unter www.anders-sehn.de
Auskunft:
Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt ENIT, Kaiserstraße 65, 60329 Frankfurt am Main, Tel. 069/237434, www.enit.it
Ärztezeitung 19.04.2005
"Eine Reise für Blinde in den Regenwald ist vorstellbar" Städtereisen oder Wanderurlaub: Der Bamberger Reiseveranstalter "anders-sehn" bietet nur Reisen für Blinde an
Von Sebastian Waldmann

Natur fühlen, Städte hören, Sehenswürdigkeiten riechen: So erfährt ein Blinder seinen Urlaub. Doch selten genug begeben sich Blinde und Sehbehinderte auf Reisen. Es gibt zu viele Schwierigkeiten, die Sehende nicht kennen. Ohne Begleitperson können sich diese Menschen in fremder Umgebung fast nicht zurechtfinden.

"Es fehlt meistens einfach an Erfahrung mit Sehbehinderten, und daher ist es schwer, die Art des Erlebens richtig einzuschätzen", sagt Susanne Hahn, Inhaberin von "anders-sehn" in Bamberg, dem nach eigenen Angaben ersten privaten Reiseanbieter nur für Blinde in Deutschland.

Reisen mit Blinden erfordern viel Organisation
Reisen für Blinde zu veranstalten, erfordert ein hohes Maß an Organisation, meint die Ethnologin und Kulturmanagerin. Direkt vor Ort müßten Absprachen getroffen werden, beispielsweise mit Museen oder Fremdenführern. Das Programm sollte bestmöglich auf Blinde abgestimmt werden. Das heißt, mit Museumsleitern muß beispielsweise vereinbart werden, daß die Ausstellungsstücke auch berührt werden dürfen, was sonst meist verboten ist.

Das Angebot von "anders-sehn" umfaßt Kurzreisen, Städtereisen, Natur- und Kulturreisen innerhalb Deutschlands und im europäischen Ausland. Ziele sind unter anderem die historische Altstadt von Prag oder ein Wanderurlaub in Südtirol. "In diesem Jahr biete ich zehn Reisen an und hoffe, im nächsten Jahr mein Programm erweitern zu können", sagt Hahn. Einschränkungen bei den Reisezielen gebe es prinzipiell keine: "Eine Reise in den Regenwald ist durchaus vorstellbar."

"Mir hat die Reise mit Frau Hahn sehr gut gefallen, da es eine gute Mischung aus sportlicher Betätigung und kulturellem Rahmenprogramm war. Ich würde den Urlaub jeder Zeit wiederholen", erzählt Frank Wolter, blinder Reiseteilnehmer bei einem Wanderurlaub in Südtirol. "Die Teilnehmer wurden umfassend betreut, aber nicht übermäßig bemuttert." Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis sei in Ordnung, findet Wolter.

Ein Schnäppchen sei ihr Angebot nicht, gesteht Hahn und begründet dies mit dem wesentlichen höheren organisatorischen und personellen Aufwand. Eine Reise nach Prag im Frühling, drei übernachtungen mit Vollpension und Programm, kostet 395 Euro.

Die Hin- und Rückfahrt müssen die Teilnehmer selbst finanzieren. Zudem bietet Hahn auch die Organisation von Individualreisen an. "Wenn jemand einmal zu seinem Traumziel möchte, so ist dies grundsätzlich möglich. Eine frühzeitige Absprache ist jedoch aus Planungsgründen unbedingt notwendig", erklärt Hahn.

Eine Alternative zu Behindertenreisen
Nach Angaben des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) gibt es etwa 145 000 registrierte Blinde in Deutschland. Vor allem jungen Menschen möchte sie eine Alternative zu Behindertenreisen sozialer Verbände geben. Die Urlaubsangebote der Wohlfahrtsverbände werden primär von Altersblinden genutzt und schrecken daher viele junge Erwachsene ab.

Sie sei glücklich, ihre soziale Ader in ihrem Beruf verwirklichen zu können, sagt Hahn. Sie hofft, viele Reisen organisieren zu können, und zitiert Jean Paul: "Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt Leben Reisen ist."
Informationen im Internet: www.anders-sehn.de. Die Webseite ist optimiert für Text- und Sprachausgabe-Software für blinde Nutzer.

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