anders-sehn
Reisen und Erlebnisse für Blinde und Sehbehinderte
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Zur Apfelernte ins Obervinschgau nach Südtirol
Unterwegs mit „anders-sehn" in Wien
Zur Apfelernte ins Obervinschgau nach Südtirol
erschienen im horus 1/2005
von Frank Wolter
"Zur Apfelernte ins Obervinschgau nach Südtirol" so lautete das Motto einer sechstägigen Wanderfreizeit für blinde und sehbehinderte sowie sehende Teilnehmer in Südtirol. Eine Woche voller sportlicher Betätigung in fast unberührter Natur, begleitet von einigen kulturellen Veranstaltungen und vielen Begegnungen mit anderen Menschen.
Am Sonntag, dem 10. Oktober 2004, machten sich aus den verschiedensten Regionen Deutschlands insgesamt acht blinde und sehbehinderte Wanderfreunde mit dem Zug auf den Weg nach Landeck im Südwesten Österreichs. Wer Hilfe bei der Anreise benötigte, wurde hierbei von der Organisatorin dieser Reise, Susanne Hahn aus Bamberg, die sich seit kurzem auf die Konzeption und Durchführung von Individualreisen für Menschen mit Behinderungen spezialisiert hat, gegebenenfalls unterstützt. In Landeck angekommen, wurden wir von Herbert Anacker vom Landessportbund Hessen, welcher die Trägerschaft der Reise übernommen hatte, sowie einigen sehenden Reiseteilnehmern begrüßt. Von dort aus ging es dann in zwei Kleinbussen über den Reschenpaß, vorbei am Reschensee, nach Südtirol und hinauf ins Matschertal bis auf rund 1.600 Meter zum Tumpaschinhof, einem ehemaligen Mädcheninternat, welcher als Selbstversorgerhaus in gemütlicher alpenländischer Hüttenatmosphäre Platz für rund 30 Gäste bietet.
Da sich der Tumpaschinhof etwa drei Kilometer vom nächsten kleinen Dorf in freier Natur befindet, konnten wir unsere Tageswanderungen zumeist bequem direkt von dort aus starten. Je ein sehender und ein blinder Teilnehmer krakselten dann durchs Tal, wobei es mitunter bis zur Schneefallgrenze auf etwa 2.500 Meter hinaufging. Die Wege waren stets sorgfältig ausgewählt und für halbwegs sportliche Menschen gut begehbar, wobei jedoch eine gewisse Trittsicherheit und angemessenes Schuhwerk vorausgesetzt wurden. An den ersten Tagen sind wir zwar infolge leichten Regens etwas klamm und kalt geworden, im Tumpaschinhof erwartete uns dann jedoch stets ein wohlig prasselndes Kaminfeuer und manchmal sogar heißer Kaffee und frische Eierpfannkuchen. Diese heimelige Atmosphäre wurde dabei durch die von Susanne Hahn vorgelesenen Apfelmärchen noch sehr angenehm umrahmt.
Um nun aber nicht nur unsere Beinmuskeln zu trainieren, sondern auch unseren Geist zu erfrischen und zu erfreuen, standen auch einige kulturelle Begegnungen mit Land und Leuten, wie etwa der Besuch eines Marktes mit zahlreichen landestypischen Spezialitäten, auf dem Programm.
Zunächst gab es jedoch einen Besuch auf der Churburg, wo wir von einem jungen und überaus engagierten Führer begrüßt wurden. Dieser hatte reichlich Zeit für uns und öffnete auch manchen - ansonsten verschlossenen - Schrank für uns; angefaßt werden durfte ohnehin fast alles. Ein wirkliches Erlebnis bei dem wir zum Schluß auch noch kurz vom Schloßherrn, dem Grafen Trapp, welcher auch heute noch einen Teil der Burg zeitweilig bewohnt, persönlich begrüßt wurden. Nach einem Besuch im Benediktinerkloster Marienberg in Mals, welches insbesondere durch die Ausstrahlung unseres Führers ebenfalls zu einem eindrucksvollen Erlebnis wurde, folgte dann am vorletzten Tag unserer Wanderwoche noch ein Aufenthalt auf einem Biohof mit großen Apfelplantagen. Auch dieser Besuch war sehr anschaulich und informativ. So ging es nach einer Kutschfahrt durch die Apfelplantagen hinunter in den historischen Keller des Hauses, wo wir mit verschiedenen Spezialitäten des Hofes und des Landes freundlich bewirtet wurden. Da all diese Dinge vorzüglich schmeckten und zudem auch käuflich erworben werden konnten, hatte der ein oder andere von uns auf der Heimreise dann ein wenig mehr zu tragen als bei der Anreise.
Höhepunkt der kulturellen Angebote war nach einhelliger Meinung aller Teilnehmer jedoch der Besuch von acht einheimischen Bäuerinnen im Tumpaschinhof, welche uns mit der alten Handwerkstradition des Filzens vertraut machten. Aus gekämmter Schafwolle stellen diese Frauen lediglich unter Einsatz von Wasser und Schmierseife die verschiedensten Dinge wie etwa Hüte, Kappen oder auch Hausschuhe her. Diese Gegenstände konnten aber nicht nur befühlt und bestaunt werden, sondern jeder von uns konnte sich mit tatkräftiger Unterstützung einer Bauersfrau auch selbst einmal beim Filzen versuchen, wobei so manches Mitbringsel für daheim entstanden ist. Bei südtiroler Wein und vielen kleinen Leckereien haben wir dann noch einige Stunden beisammen gesessen und Vieles über das nicht immer sehr einfache Leben in diesem abgelegenen Tal erfahren. Und am letzten Morgen wurden wir dann sogar noch von dem ersten Schnee in diesem Herbst begrüßt.
Am Ende waren sich dann alle Teilnehmer einig, es war eine ganz besondere Woche mit zahlreichen Anregungen für Körper und Geist, bei der auch die eine oder andere neue Freundschaft geknüpft worden ist, so daß im nächsten Jahr einige von uns dann auch sicher wieder dabei sein werden.
erschienen in der Gegenwart 1/2007
von Josef Haase
Zu Beginn des Jahres 2006 habe ich von „anders-sehn" erfahren. Dabei handelt es sich um ein spezielles Unternehmen, das von Susanne Hahn aus Marburg geleitet wird und Gruppenreisen sowie Seminare für Blinde und Sehbehinderte organisiert. So wurde u.a. eine Reise in die Kaiser-, Künstler- und Kaffeestadt Wien vom 3. bis 8. September angeboten. An der Reise haben meine Frau und ich sowie 11 weitere blinde, sehbehinderte und sehende Gäste aus mehreren deutschen Bundesländern teilgenommen. Zur Begleitung der Hilfebedürfdigsten unter uns konnte Frau Hahn im Vorfeld der Reise drei charmante Wiener Studentinnen gewinnen, die ihre Aufgaben gewissenhaft und engagiert erfüllten. Nicht nur auf die üblichen Gefahrenquellen wie Bordsteinkanten oder Treppen wiesen sie hin, sondern sie haben darüber hinaus unseren blinden Mitreisenden zugleich zeitnah die Umgebung bildhaft beschrieben.
Die Anreise der Besucher erfolgte individuell. Einige nutzten die Bahn, andere das Flugzeug. Untergebracht war die Gruppe im Kardinal-König-Haus im 11. Wiener Bezirk. Am Anreisetag stellten sich zunächst alle Teilnehmer kurz vor, und Frau Hahn gab einen überblick über Wien und das Programm für die nächsten vier Tage.
Am Montag durchquerten wir im Rahmen einer Stadtführung den 1. Bezirk. Anhand amüsanter Anekdoten brachte uns die Stadtführerin in einer aufgelockerten Art die Geschichte Wiens näher. Die Führung endete am Stephansdom. Die Stadtführerin war sichtlich bemüht, uns z.B. im Dom die aus Stein gearbeitete Kanzel, die Altäre und Figuren ausführlich zu beschreiben. Das direkt neben dem Dom aufgestellte Bronzemodell verdeutlichte uns seine gigantischen Abmaße. Der Nachmittag hatte einen Besuch in der Hofburg mit Besichtigung in der Silberkammer und danach eine Führung durch die kaiserlichen Gemächer zum Inhalt. Auch hier hat uns ein netter Herr das Essbesteck der höfischen Gesellschaft zum Abtasten in die Hand gegeben. Außerdem erläuterte er uns anschaulich die Gestaltung der Räume und beantwortete zahlreiche Fragen.
Am nächsten Morgen ging's zügigen Schrittes vom Quartier durch den Schlosspark Schönbrunn zur Wagenburg. Hier befinden sich diverse Kutschen für die verschiedensten Anlässe aus der Kaiserzeit, die uns Einblicke in die Art des Reisens vermittelten. An vier ausgewählten Fahrzeugen durften wir mit Handschuhen die prunkvollen Verzierungen abtasten. Am Nachmittag standen die berühmten Wiener Kaffeehäuser auf dem Programm. Um die Kaffeehaus-Atmosphäre richtig zu verspüren, gehörte ein Besuch im Café Demel - dem damaligen Zuckerbäcker-Hoflieferanten - mit dazu. Zu einem Kaffee nach Art des Hauses ließen wir uns das servierte edle Gebäck munden. Vor Ort wurden wir über die „feinen Unterschiede" der unzähligen Kaffee-Varianten aufgeklärt.
Einige Wirkungsstätten des Komponisten und Musikers W. A. Mozart, ein geführter Spaziergang mit interessanten Erläuterungen und Besichtigung seiner Grabstätte auf dem Friedhof St. Marx standen am Mittwochvormittag auf dem Programm. In diesem Zusammenhang haben wir auch Details aus dem Leben von Mozart erfahren. Nach der Mittagspause folgte eine Schifffahrt von der Reichsbrücke bis zum Schwedenplatz, die leider nicht so ganz wunschgemäß verlief. Laute Passagiere und die dadurch kaum zu verstehenden Erläuterungen auf dem Schiff lagen allerdings nicht im Einflussbereich der Reiseleitung.
Schließlich besichtigten wir am Donnerstagvormittag das einzigartige Möbelmuseum. Hier wurden uns ausgewählte Gebrauchsgegenstände der kaiserlichen Gesellschaft gezeigt. Dazu gehörten u.a. Fußbänke und Sitzmöbel genauso wie Spucknäpfe. Ein Bummel über den Naschmarkt, bei dem uns unzählige Düfte in die Nase stiegen, sowie eine Fiakerfahrt im Schlosspark Schönbrunn bildeten den Abschluss der vielfältigen Unternehmungen.
Wie für einen Wien-Besuch fast selbstverständlich kehrten wir natürlich auch beim Heurigen ein. Zum Ausklang traf sich die gesamte Reisegruppe hier sogar ein zweites Mal. Alle Teilnehmer bedankten sich bei Frau Hahn für die wirklich vorbildliche Organisation der Reise und den reibungslosen Ablauf. Bis auf die Schifffahrt gab es zu keiner Zeit irgend einen Grund zur Klage. Sogar das Wetter meinte es während unseres Wien-Aufenthaltes besonders gut. Jeden Tag bei Sonnenschein zwischen 26 und 28 Grad brachten den einen oder anderen schon zum transpirieren.
Auffallend bei dieser Reise war, dass bei anders-sehn zweifellos ein Hauptanliegen in einer sehbehindertengerechten Betreuung besteht. Das zeigte sich beispielsweise auch darin, dass Bahnreisende vom Bahnhof abgeholt und am Abreisetag auch wieder zum Zug gebracht wurden. Bei sämtlichen Ausflügen und Führungen waren die Reiseleiterin und die Begleitungen immer darauf bedacht, dass niemand verloren ging. Ein besonderes Dankeschön gilt an dieser Stelle nochmals Frau Hahn. Während des gesamten Wien-Aufenthaltes hat sie mich freundlicherweise die meiste Zeit begleitet und damit meine ebenso sehbehinderte Frau entschieden entlastet.
Die relativ breit gefächerte altersmäßige Zusammensetzung der Gruppe (von Anfang 20 bis 65) sowie eine ständige gegenseitige Hilfsbereitschaft trugen zu einer recht harmonischen Atmosphäre bei. Wir sind uns jedenfalls ziemlich sicher, dass wir gern noch einmal bei einer Reise mit „anders-sehn" dabei sein möchten.
Daher lautet also mein Fazit: „Wien ist stets eine Reise wert, vor allem dann, wenn man mit „anders-sehn" fährt!
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